Was die Gesellschaft zusammenhält
Auf diesen drei Schlagworten reite ich immer wieder herum. Und es hat sich etabliert, dass ich in meinen Vorträgen bei der Bundeswehr auch immer von dieser Trias spreche. Klar, die lässt sich auch aus der Führungskultur herleiten. Aber derart explizit ist sie nicht aufgeführt. Und das macht auch nichts, denn auch jenseits der Führungskultur einer Armee und des Soldatenberufs sollte man sich über diese Begriffe Gedanken machen.
Spätestens seit 2022 hören wir stets und ständig, dass in der Ukraine unsere westlichen Werte verteidigt werden. Und zur letzten Wahl wurden auch immer wieder die demokratischen Werte beschworen. Das alles sind aber nur wohlfeile Floskeln, wenn man sie nicht mit Leben füllt – was wäre also naheliegender, als das selbst zu tun?
Bevor wir soweit sind, sollten wir uns diese Begriffe aber erstmal anschauen.
Werte
Werte sind unsere abstrakten Orientierungen, nach denen wir unser Leben ausrichten. Dinge, von denen wir überzeugt sind. Beispielsweise „Menschenwürde“. Die steht so auch in unserem Grundgesetz und bietet sich daher entsprechend an. Menschenwürde kann aber kaum alleine gedacht werden, auch die Idee, das alle Menschen grundsätzlich gleich sind – also Gleichheit – spielt dabei eine Rolle. Das eine lässt sich hier nicht ohne das andere denken.
Diese Werte, die für uns persönlich wert-voll erscheinen, sind uns also derart wichtig, dass wir unser Leben und handeln danach ausrichten. Ist mir Menschenwürde wichtig, will ich Menschen auch würdig behandeln, ganz gleichgültig, in welcher Situation. Ich will Menschen auch gerecht und gleich behandeln, alles andere wäre gegen deren Würde. Und schnell kommt man natürlich auch an Reibungspunkte: Ist es menschenwürdig, jemanden für ein Verbrechen wegzusperren? Ist es den Opfern gegenübüer menschenwürdig, einen Verbrecher nicht wegzusperren? Und so muss man seine Werte immer wieder abwägen und priorisieren.
Und so sind Werte auch nie Ziele. Ziele sind erreichbar, Werte höchstens anzustreben. Wann ist schließlich „Demokratie“ (ein weiterer Wert) erreicht? Erst wenn immer nur „das Volk“ abstimmt? Oder doch über Vertretersysteme, wie in Deutschland? Oder doch den USA?
Hier sieht man bereits, dass Werte auch gesellschaftlich geteilt werden können – Werte definieren nämlich eine Gesellschaft. Über Jahrzehnte und Jahrhunderte wachsen so die Wertesysteme in Kulturen vor sich hin. Und die Werte verschieben sich auch über die Zeit. Vom streng christlichen Mittelalter gingen wir über die Aufklärung; Religion verlor ihre gesellschaftliche Stellung. Die darin tradierten Wertvorstellungen sind dennoch tief verwurzelt in unserer Gesellschaft. Und selbst in den letzten Jahrzehnten haben sich Werte noch neu ausdefiniert: Frauen dürfen nun auch ohne Zustimmung ihres Gatten ein Konto eröffnen, einem Beruf nachgehen und den Führerschein machen. Werte sind stets ein mehr oder weniger dynamisches System.
So strebt man nach dem, was man selbst am vernünftigsten findet und geht seinen Werten so nach. Wie man diesen Werten nachkommt, das zeigt sich dann aber erst an der zweiten Säule der Trias.
Tugenden
Geht man in die klassische Philosophie zu den oft zitierten alten Griechen, so sind Tugenden Charaktereigenschaften einzelner Menschen. Diese Eigenschaften müssen als vorbildlich oder erstrebenswert gelten – und der betroffene Mensch muss sie auch nach außen hin sichtbar machen. Jemand, der stets pünktlich wäre, der aber sein Haus nie verlässt – dem kann man diese Tugend sicher nicht zuschreiben. Jemand, der ausgesucht höflich ist, aber stets schweigt – das Gleiche.
Ähnlich wie Werte sind auch Tugenden von der jeweiligen Gesellschaft abhängig. Während in Deutschland Pünktlichkeit eine ganz explizite Tugend ist, ist man da in Italien beispielsweise etwas großzügiger. Dafür gibt es dort andere Prioritäten, wenn man auf den Charakter schaut.
Sollten denn die Tugenden nicht ausreichen? Sind dann Werte nicht etwas überbetont?
Nicht ganz. Denn mit Ehrlichkeit, Pünktlichkeit und Disziplin könnte man auch einen Mafia-Clan führen. Oder ein Arbeitslager. Aus meiner Sicht ist es daher unabdingbar, dass die eigenen Tugenden auch eine fundierte Wertebasis haben. So sorgen die Tugenen dafür, dass man die Werte auch entsprechend umsetzen kann.
Normen
Mit unserer Tugendhaftigkeit ist es oft nicht besonders weit her. Hand aufs Herz, wir sind alle nur Menschen – und wenn wir müde sind, hungrig, gestresst, dann fällt es uns schwer, uns an unsere Ideale zu halten. Niemand hier ist ein Heiliger. Kein Grund, es nicht dennoch anzustreben, klar! Aber man sollte einen realistischen Blick auf sich selbst haben.
Gerade wenn wir auf die Männer und Frauen in der Exekutive oder in den Blaulichtberufen schauen, dann ist dort meistens ein hohes Level an Stress, bisweilen auch Gewalt und andere negative Faktoren anzutreffen. Hier braucht es eine hohe Professionalität, um nicht einfach nach eigenen Befindlichkeiten zu gehen, sondern sich am eigenen Selbstverständnis auszurichten.
Gerade weil Menschen nun mal Menschen sind, haben wir uns gesellschaftlich auf ein paar Regeln geeinigt. Manche davon sind nicht niedergeschrieben (Regeln des Anstandes beispielsweise; nicht jeder hat seinen Knigge gelesen und dennoch wissen sich Menschen ja zu benehmen), manche schon – und wurden damit zu Gesetzen und Vorschriften gemacht.
Normen sind da, um festzuhalten, worauf wir uns geeinigt haben. Sie sind nicht nur da, um mich vor Übergriffen auf meine Rechte zu schützen, sondern auch, um mich daran zu erinnern, mich an die Rechte anderer zu halten.
Normen sind da, um unsere Werte zu schützen, wenn unsere Tugenden zu versagen drohen.
Und insofern ist unser geltendes Recht – ich bin überzeugt, dass unser Recht eine sehr starke ethische Basis hat! – auch eher als Handlungsorientierung zu sehen und nicht als Verbotskatalog.
Sicher, über tausend einzelne Fälle könnte man diskutieren. Man kann sich dafür aber auch tausendmal an die Nase fassen wegen der eigenen Unzulänglichkeiten.
Die Trias aus Werten, Tugenden und Normen gibt einem eine gute Orientierung für das eigene Handeln. Wenn man sich mit sich selbst beschäftigt und vor allem die ersten beiden Säulen an sich selbst prüft, unterstützt das auch, sich seiner eigenen Überzeugungen bewusster zu werden. Sicherer zu sein. Man findet seinen Ankerpunkt, um sich auch – wenn man der Metapher folgen möchte – in stürmischen Zeiten nicht von den Wellen mitreißen zu lassen, sondern seinen eigenen Standpunkt nicht zu vergessen.
Dass soll an Metaphern erstmal reichen. Ich hoffe, der Artikel ist eingängig. Bei Fragen – einfach anschreiben.
Seid gut zueinander.
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