Zunächst sollten wir kurz klären, was Ethik ist. Ethik ist die Suche nach Prinzipien des guten und richtigen Handelns. Sicher, im akademischen Sinne steckt da noch weit mehr dahinter und das ist für den durchschnittlichen Philosophen eine viel zu ungenaue Definition. Aber dieser Blog richtet sich ja an Interessierte, und die haben nicht zwangsläufig Philosophie studiert oder einen akademischen Hintergrund. Und brauchen sie auch nicht.
Ethik sucht also nach den Prinzipien, fragt sich also beispielsweise: „Ist Lügen immer schlecht?“ oder „Darf man Menschenleben im Extremfall einfach mathematisch gegeneinander aufrechnen?“ – und sucht nach schlüssigen Argumenten für oder gegen das eine oder andere. Wer sich also die Frage stellt „Was ist jetzt das Richtige?“, der betreibt für sich schon Ethik. Wer sich beim Einkaufen über die Haltungsform seines Fleisches Gedanken macht – oder darüber, ob Fleisch zu essen überhaupt noch zu rechtfertigen ist – der betreibt für sich schon Ethik. Wer nach Argumenten sucht, welche Partei in einem Konflikt die besseren Streitgründe hat – der betreibt für sich schon Ethik.
Auch wenn man für sein eigenes Leben dadurch gute Fragen und solide reflektieren kann, wie man handelt – man stößt an seine Grenzen, wenn es in bestimmte Fachthemen geht. In der Medizinethik beispielsweise muss man einerseits die medizinischen Kenntnisse haben, um Situationen fachlich beurteilen zu können – im Zentrum stehen aber Menschen, Patienten, und auch diese haben Rechte und Würde, Bedürfnisse und Ängste – und auch die müssen berücksichtigt werden, um ethisch fundierte Entscheidungen treffen zu können.
So gibt es verschiedene Bereichsethiken, die jeweils den Zusammenschluss von Ethik und Fachlichkeit brauchen. Medizinethik habe ich bereits genannt, aber genauso Medienethik, Cyberethik, Wirtschaftsethik – und dergleichen mehr.
Mein Bereich ist die Militärethik. Denn auch wenn die Geschichte der Menscheit von Gewalt und Krieg gekennzeichnet ist – so ist sie auch davon gekennzeichnet, dass es immer schon Menschen gab, die Leid und Krieg verhindern wollten. Einer der bekanntesten dabei ist Augustinus, der drei wesentliche Prinzipien dabei herausstellte:
Ius ad bellum – Das Recht zum Krieg
Augustinus stellte bereits die Frage, was überhaupt einen Krieg rechtfertigen könnte. Wann, aus allen erdenklichen Gründen, könnte ein Krieg „gerecht“ oder „gerechtfertigt“ sein. Und letztlich kam er zu dem Schluss: Eigentlich ist nur die Verteidigung ein wirklich guter Grund, überhaupt an einem Krieg teilzunehmen.
Ius in bello – Das Recht im Krieg
Wie sollten sich Kämpfende verhalten? Sich gegenseitig gegenüber, aber auch gegenüber der Zivilbevölkerung, der Infrastruktur und der Landwirtschaft. Welche Waffen dürfen dabei zum Einsatz kommen und unter welchen Umständen?
Ius post bellum – Das Recht nach dem Krieg
Selbst Augustinus war klar: Es gibt immer ein „Danach“. Kaum je hat ein Volk ein anderes ausgelöscht. Immer muss man mit Tätern, mit Opfern, mit ehemaligen Kämpfern, mit Verwundeten an Leib und Seele, mit Traumatisierten, mit altem Hass und neuen Situationen umgehen. Eine Gesellschaft muss wieder aufgebaut werden, ehemalige Feinde können sich wieder versöhnen. Die begrabene Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland ist ein gutes Beispiel, dass das funktionieren kann.
Diese Aspekte sind hier verkürzt dargestellt. Aber ich bin sicher, dass ich sie an anderer Stelle noch einmal aufgreifen werden. Denn sie sind auch heute noch aktuell: Wir erinnern uns an den überstürzten Rückzug aus Afghanistan? Genau da stellte sich die Gesellschaft (und nicht nur die deutsche) die Fragen: Warum waren wir eigentlich dort? Was haben wir dort getan? Und was soll jetzt mit diesem Land passieren? – Also genau die Fragen, auf denen Augustinus vor 1500 Jahren schon herumdachte.
Das zeigt, dass Ethik und Militärethik gar nicht so weit weg sind von unseren täglichen Gedanken. Ziemlich jeder von uns trägt diese Gedanken mit sich. Das spricht sicher für unsere gute Erziehung.

Hinterlasse einen Kommentar